FAZ 26.01.2026
14:48 Uhr

ÖPNV im Schnee: Warum der Nahverkehr so schnell ins Schlittern gerät


Fallen im Rhein-Main-Gebiet mehr als ein paar Zentimeter Schnee, kommt auch der Fahrplan ins Rutschen. Das sorgt für Ärger bei Nutzern von Bussen und Bahnen. Dennoch schuldet man deren Fahrern eine gewisse Dankbarkeit.

ÖPNV im Schnee: Warum der Nahverkehr so schnell ins Schlittern gerät

Kaum fällt in der Rhein-Main-Region der erste Schnee, friert regelmäßig mehr ein als nur die Landschaft. Busse bleiben in den Depots, Straßenbahnen rollen mit Verspätung, und auf den Bahnsteigen wird heftig diskutiert, ob man es nicht doch schneller ins Büro hätte schaffen können – zu Fuß. Während sich Frankfurt, Rhein-Main und ganz Hessen in der Nacht zum Montag in eine Winterlandschaft verwandelten, verfiel der öffentliche Nahverkehr in den Krisenmodus. S-Bahnen standen an neuralgischen Knotenpunkten still, der Busverkehr wurde auf ein Minimum reduziert oder vielerorts gleich ganz eingestellt. Und der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV)? Der tat, worauf er sich aus Sicht seiner Kritiker bei winterlichem Wetter vor allem konzentriert: Er informierte über witterungsbedingte Verspätungen, Ausfälle und Umleitungen. Selbst das allerdings klappte diesmal nur mäßig, weil die RMV-App zur Fahrplanauskunft ausgerechnet während der Hauptverkehrszeit aus technischen Gründen vorübergehend ausfiel. Natürlich fällt es da leicht zu spotten. Für die Beschäftigten im Nahverkehr bedeutet so ein Wintertag – wenn auch mit Ansage – extremen Stress. Fahrerinnen und Fahrer, Werkstätten und Disponenten kämpfen an vielen Fronten zugleich. Doch die Pendler fragen sich immer wieder: Warum gerät der Nahverkehr schon bei ein paar Zentimetern Schnee so sehr ins Rutschen? Ein Teil des Problems liegt in der Komplexität des RMV-Systems. 160 Verkehrsunternehmen müssen im Gleichklang reagieren, wenn das Wetter umschlägt. Während der eine Bus noch fährt, hängt der andere schon an einer Steigung fest oder wird durch einen quer stehenden Personenwagen ohne Winterbereifung ausgebremst. Hinzu kommt die überlastete Infrastruktur im Schienennetz. Wenn ohnehin jeder Anschlusszug um seine Pünktlichkeit ringt, reicht mitunter eine vereiste Weiche aus, um das gesamte System aus dem Takt zu bringen. Und dann sind da noch die hohen Ansprüche der Fahrgäste. Die Deutschen lieben Pünktlichkeit und Planbarkeit – auch und vor allem auf dem Weg zur Arbeit. Wenn dann die Realität zwischen Hanau und Mainz, zwischen Gießen und Darmstadt mit der Witterung kollidiert, erschüttert das die kollektive Erwartungshaltung. Getreu dem Motto: Es kann doch nicht sein, was nicht sein darf. Ja, der öffentliche Nahverkehr im Winter ist kein Glanzstück deutscher Perfektion. Aber er ist auch kein Totalausfall. Denn irgendwann kommt ein Bus, irgendwann fährt die Bahn wieder. Und wenn die S-Bahn der Linie 6 nach Friedberg endlich doch noch im Hauptbahnhof einrollt, denkt mancher: geht doch. Langsam, mit 30 Minuten Verzögerung, aber immerhin. Und schließlich: Den Autofahrern, die sich frühmorgens mit Tempo 20 über die Straßen quälen, ergeht es nicht viel besser. Am Ende ist es eben auch ein kleines, optimistisch stimmendes Winterwunder, dass sich die Region selbst im Schneetreiben weiterbewegt.